Favelas TourOk, das ist nicht annähernd so makaber wie es sich anhört. Es gibt eine Tour, de sich "be a local" nennt und Leuten das richtige Leben abseits der Clichés näher bringen will. Einfach krass und gleichzeitig wirklich grossartig was wir alles gelernt und gesehen haben. Zuerst sollte ich wohl sagen, dass die Favela Rozinho direkt and das teuerste Viertel von Rio grenzt, mit dem teuersten Hotel, dass es hier gibt. Rio ist wohl die einzige Stadt der Welt in der die Armen über den Reichen wohnen und dadurch einen traumhaften Blick über Rio haben. Um rauf nach Rozinho zu kommen, fährt man als "local" in mörderrichem Tempo mit dem Motorbike den Berg hoch zum Eingang der Favela und quetscht sich durch die winzigsten Lücken zwischen Bussen, Menschen und anderen Motorbikes. Zwischendrin hat mich mein Fahrer noch fast umgebracht weil ein anderer rausgezogen ist und wir dann fast gestürzt, aber mir wurde eindringlich versichert, das sei ganz normal ... na dann, kein Grund zur Panik.
Die Bikefahrt from Hell war damit aber auch schon das gefährlichste an der ganzen Tour. Im Prinzip ist man im Favela, wenn man sich an die Spielregeln hält, sicherer als an der touristschen Capacabana. Der "Owner", also der 23jährige Drogenboss, der in dem Favela gleichzeitig die Rolle des Bürgermeisters, Polizeichefs und Präsidenten einnimmt, garantiert den Bewohnern Sicherheit und Ruhe. Die Polizei hat dort nichts zu melden, und ehrlich gesagt ist die wohl eh gekauft. Es gibt die drakonischsten Strafen wenn man stielt oder schlimmeres, wie aus dem Mittelalter. Aber daher herscht innerhalb der Favela eben Ruhe (es sei denn ein Bandenkrieg zur Übernahme der Favela bricht aus, aber das passiert in sehr Rozinho selten, weil es so gross und befestigt ist).
Das Leben im Favela ist ganz anders als ich es mir vorgestellt habe. Ich hatte das Bild von Wellblechhütten, verschlammten Strassen und hungernden Kindern. Stattdessen gab es Steinhäuser, Elektrizität, Kabelfernsehen und Internet (wenngleich auch alles illegal angezapft) und betonierte, im ärmeren Teil weiter unten, recht schwierig passierbare Wege. Ich dachte immer das gäbe es nur Drogen und sonst nichts, aber fast alle Leute die da wohnen haben einen ganz normalen Beruf in der Stadt, es sind die hunderte von Kellnern, Zimmermädchen, und Türsteher, deren Lohn einfach nicht für ein Leben woanders reicht. Im Prinzip sind wir von ganz oben nach unten durch Winkel und Gassen gelaufen, haben dabei die Main Street gesehen die mit Post, Verwaltung und Supermarkt eher aussah wie eine Ecke in Neuköln, eine Graffittikunsthandlung besucht, sehr tolle Backwaren gegessen (wirklich besser als hier in der Stadt und nein, ich bin nicht krank geworden) und eine Kindertagesstätte besucht sowie drei Kindern der lokalen Musikschule beim Üben für den Karneval zugehört. "Be a local" nutzt 60% der Einnahmen aus den Touren, um sie dort in die Gemeinde zu investieren, vor allem in Projekte, die die Kinder von der Strasse holen. Das ist nämlich das Hauptproblem, wenn sie zu viel Zeit haben, sehen sie wie ihre 13jährigen Freunde 2000 Reales (800 Euro) pro Woche verdienen, indem sie für die "Manager" als Spitzel oder Kuriere arbeiten. Schutzgelder werden für die Touristen übrigens nicht bezahlt. Man hält sich an die Regeln und ist sicher. Ich habe ein paar sehr beeindruckende Fotos gemacht (was übrigens auch kein Problem ist, solange man die Leute aus dem Drogengeschäft nicht aufnimmt). Die Kinder wollten alle ins Bild, denn sie denken, dass sie so vielleicht berühmt werden. Sie wollen alle Fussballstar oder Schauspieler werden, oder sie eifern ebem ihren anderen Vorbildern nach und geraten ins Drogengeschäft.
Es ist ungaublich traurig, man sieht diese kleinen Kinder und weiss, dass kaum eines davon wirklich eine Chance hat. Es ist wirklich ein Teufelskreis aus dem kaum jemand rauskommt. Zudem ist es absolut nicht ungewöhnlich mit 12-13 Jahren selbst wieder Kinder zu haben. Einer der Graffittikünstler war 29 - und bereits Grossvater. Ich hab mich lange gefragt, warum der Staat nicht mehr unternimmt, um die Situation zu verbessern. Mein Guide Daniela hat mir daraufhin erklärt, dass es den Offiziellen zum einen ganz recht ist wie's läuft. Der "Owner" sorgt für Ordnung und was sollte man sonst auch mit den 4 Mio. Menschen aus den Favelas anfangen. Gleichzeitig hat Daniela gesagt, dass man doch nicht ernsthaft glauben muss, dass ein 23-Jähriger alleine hinter einem monatlich 4 Mio Dollar Geschäft steht (das übrigens, wäre es legal, wohl Auszeichnungen für die beste Organisation und effizientesten Strukturen bekommen würde). Da hängen noch ganz andere Leute drin, die in der Stadt sonst ein angenehmes Leben führen. Zudem hat man wohl einfach die Chance verpasst etwas zu unternehmen, inzwischen hat sich das System so etabliert, dass es auch nichts bringen würde 100 der Verantwortlichen zu verhaften, weil direkt 300 hinterher rücken.
Die Favelas Tour war definitiv eines der bewegensten Erlebnisse, das ich je hatte. Und es ändert wirklich das Bild und die Vorurteile, die man über "Slums" hat. Die Menschen haben uns alle freundlich aufgenommen und wir haben etwas über ihr Leben erfahren. Ich würde diese Tour jedem empfehlen, der mehr von Rio sehen will, als den Zuckerhut, Christo und die wunderschönen Strände. "Be a local" ist dabei ein tolles Projekt, weil man wirkich durch alle Gassen läuft und das richtige Leben und die Leute kennenlernt.